Galerie Beate Rose

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NIKO DEUSSEN

DAS GERENNE DER GLIEDERTIERE

Anmerkungen zu Beate Roses Bilder-Zyklus Ameisenhügel anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Galerie Villa Maria, Bad Aibling, am 9.11.2001

Der lange Blick, meine Damen und Herren, der allzu lange Blick auf einen quirligen Ameisenhaufen macht einen schwindeln. Im ständigen Auf und Ab, Hin und Her, Vor und Zurück lässt sich selten mehr erkennen als eben eine planlos anmutende Ansammlung von Ameisen.

Dennoch übt das Gewimmel eine verwirrende Anziehungskraft auf uns aus. Stunden ließen sich nur mit Hinschauen hinbringen - ähnlich wie das traumverlorene Stieren in die züngelnde Lohe eines Lagerfeuers. Wichtiger Unterschied: am prasselnden Feuer mit seinen aufstiebenden Funken lässt es sich behaglich lagern, am Ameisenhügel weniger gut.

Das wogende Treiben der regsamen Tiere hat Wissenschaftler und Künstler gleichermaßen in seinen Bann gezogen. So ist eines der wenigen Sachbücher, das jemals einen Literaturpreis erhielt, eine Epoche machende Arbeit über Ameisen. Das Werk wurde 1991 mit dem Pulitzerpreis bedacht [1].

Schon in den 20er Jahren beschäftigte sich der Schriftsteller Maurice Maeterlinck in zwei Werken mit den schwarzen, meist aber rotbraunen Insekten. In ihnen versucht er, hinter den Sinn all dieses Gewusels zu kommen. "Was regiert hier?", fragt er sich in einer der Abhandlungen. "Was gibt die Befehle", forscht er dann weiter, "sieht die Zukunft voraus, schmiedet Pläne und bewahrt das Gleichgewicht?" Für sich findet der belgische Dichter eine Antwort: Unbewusst strebt das gegliederte Getier einem höheren, einem naturhaft-göttlichen Ziel zu.

Beate Rose nähert sich den Fragen, die nicht nur Maeterlinck umgetrieben haben, als Malerin. Dazu legt sie mit ihrem Zyklus Ameisenhügel gleichsam einen Schnitt durch das Gerenne auf den Böschungen des aufgehäuften Erdreichs. Jedes Bild bietet einen neuen Aspekt, der in der freien Natur kaum je so zu finden ist. "Kunst", so hat Paul Klee es einmal formuliert, "gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar."

Aus dem vielschichtigen Durcheinander löst Beate Rose inspirativ einzelne Szenen heraus. In ihnen organisieren sich die feingliedrigen Kerbtiere zu unterschiedlichen Gruppen, deren Gefüge und Größe sich aus der jeweiligen Aufgabe für die Gemeinschaft ergeben. Indem sich die Künstlerin von der Wirklichkeit entfernt, vom tatsächlichen Tageslauf der Tiere abstrahiert, dringt sie vor zum Grund des Geschehens, zu den organischen Einheiten der vielfältigen Ameisen-Aktivitäten: den Einzelwesen, den Individuen. Dabei sind die verschiedenen Situationen im Kreis der Kreideaquarelle eingetaucht ins wechselvolle Lichtspiel der Tages- und Jahreszeiten.

Für die Spur, die dieser Zirkel beim Abrollen in unsere Sinne drückt, kann, wer will, in natürlicher Weise einen Anfang und ein Ende bestimmen. Den Auftakt macht eine einzelne Emse. Hoch oben verharrt sie - abwartend und noch allein - auf ihrem Sandhügel. Von dort geht es zu den einzelnen Ameisen-Scharen, der natürlichen Ordnung der Zahlen folgend. Zuletzt scheint wieder eine Ansammlung von Ameisen auf. Doch jetzt ist es nicht mehr die regellose Horde vom Anfang unserer Betrachtung, sondern das äußere Bild eines hochorganisierten Kollektivs.

Gleichberechtigt daneben steht allerdings eine zweite Interpretation, denn die vorige Abfolge ist umkehrbar. Vielleicht ergänzen sich beide Ansichten sogar. Jedenfalls führt die Fährte jetzt vom undurchschaubaren Chaos der Leiber zum eigenständigen und selbstverantwortlichen Individuum. Klein und zerbrechlich, doch gleich einem Gipfelstürmer am Ende einer evolutionären Entwicklung thront hier das Einzelwesen schließlich auf der Höhe des Berges.

Inzwischen hat auch die Naturwissenschaft einige Antworten auf die Fragen Maeterlincks gefunden. Wichtigste Einsicht von Biologen und Kybernetikern: das Treiben in und am Ameisenhügel, die Arbeit innerhalb einer Kolonie braucht keinen speziellen Organisator. Der Betrieb funktioniert ohne jegliche Oberaufsicht. Das Zusammenwirken der Tiere geschieht fast immer selbstorganisiert, die Kooperation ist das Ergebnis von Interaktionen zwischen Individuen. Die Königin ist nur zum Kinder kriegen da.

So ist beispielsweise der Weg, der am häufigsten benutzt wird, am intensivsten mit Duftstoffen markiert. Das verlockt auch andere Tiere des Stammes, zukünftig diesen Pfad entlang zu krabbeln. Schließlich kristallisiert sich aus dem Wirrwarr eine klare Struktur heraus: eine Ameisenstraße ist entstanden. Schwarmintelligenz, das ist der neue Ausdruck, den die Naturforscher für solche Vorgänge geprägt haben.

Beate Rose hat sich auf das Phänomen Ameisenhügel intuitiv eingelassen. Mit der imaginativen Kraft der Künstlerin hat sie die Ordnung im Gedränge der Ameisengemeinschaft erkannt und herausgearbeitet. "Die Malerei ist eine Wissenschaft", behauptete einmal John Constable. "Warum also", stichelte der englische Maler weiter, "kann die Landschaftsmalerei nicht als Teil der Naturwissenschaften gelten und ein Landschaftsbild als ein Experiment?"

Auf den ersten Anschein ein verblüffender, sogar befremdlicher Gedanke. Doch sind nicht Kunst und Naturwissenschaft einmal mit demselben Drang angetreten: die Welt zu erkennen? Leider ergänzen sich die beiden Gebiete heute kaum noch. Ob Beate Rose mit ihren Bildern zum erneuten Brückenschlag zwischen Kunst und Naturerkenntnis beiträgt, wird sich ferner zeigen.

Heute aber schon bietet sich die Gelegenheit, Roses kleine Tierschau aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Gehen Sie also ruhig ganz nah heran, es kann nichts passieren. Denn die kleinen bissigen Biester wurden von ihrer Schöpferin malerisch gebannt.

Ich danke Ihnen fürs Zuhören und wünsche Ihnen ein - so zu sagen - zwickfreies Schauen.  ¤

[1] Hölldobler, Bert / Wilson, Edward O.: Ameisen. Die Entdeckung einer faszinierenden Welt.
Aus dem Amerikanischen von Susanne Böll. Basel: Birkhäuser 1995.

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