Galerie Beate Rose

D-84028 Landshut, Nahensteig 183, Tel + Fax 0871 / 2764044


NIKO DEUSSEN

ABSTAND ZUM GRIAUL

Bemerkungen zu "Rose's Bestiarium" während der Vernissage am 12.5.2000 in der Galerie Rose, Landshut

Evolution, meine sehr verehrte Damen und Herren, Evolution ist eine schöne Sache. Und Darwin war ihr Prophet. Als im letzten Jahrhundert den Menschen der Schöpfer abhanden kam, tat sich eine schmerzliche Lücke auf. Wer war nun für all das, was da auf Erden kreucht und fleucht, verantwortlich? Wie konnte zudem ohne den absoluten Weltgeist Flora und Fauna überhaupt entstehen - und das auch noch in solch überbordender Vielfalt? Der englische Wissenschaftler und Weltumsegler behob den entstandenen Mangel und setzte an die Stelle des biblischen Schöpfungsmythos eine neue biologische Theorie. Wie sich dann später zeigte, schloss er die Lücke mit vielen Lücken. Was dem Evolutionsgedanken aber keinen Abbruch tat.

Charles Darwin half dem Selbstbewusstsein des Menschen kräftig nach. War Homo erectus bisher nur von Gottes Gnaden Herrscher über die Erde, gab die Vorstellung einer stetigen Vorwärtsentwicklung des Lebens ihm das Gefühl, sich im Laufe von Jahrmillionen mühsam, aber erfolgreich nach oben gekämpft zu haben. Seine Spitzenstellung genoss er also nicht umsonst, als Homo sapiens war er die Krone der Schöpfung.

Angefangen hatte alles vor Äonen mit einigen, vielleicht nur einem einzigen Einzeller. Die Ansammlung von chemischen Funktionen, durch ein dünnes Häutchen vom Rest der Welt getrennt, war der Startpunkt für einen biologischen Wettlauf. Am Ziel hatten die Kleinstlebewesen gelernt, sich zu immer größeren Zellhaufen zusammenzuschließen. Einer davon, wenn auch nicht der größte, war der Mensch. Der Verlauf der sicher kurvenreichen Aschenbahn, auf der das Rennen stattfand, ist im Nachhinein nur schemenhaft auszumachen. In den biologischen Entwicklungsketten fehlen Glieder, manchmal ganze Stränge. Die Biologen gaben den Lücken Namen: Missing links.

Heute geht die überwiegende Mehrheit der Forscher davon aus, dass diese Entwicklung nicht zwingend war. Denn es gibt in der Natur keine Fortschritts-Vorschrift, etwa einen vorgezeichneten Weg von der Amöbe zum Amerikaner. Zu bestimmten Zeitpunkten in der Erdgeschichte, so die Vorstellung der Evolutionsbiologen, sind die Entstehungsbedingungen für bis dahin Unbekanntes, Ungesehenes und Unerhörtes günstig. Manchmal klappt's dann mit dem Neuen. Oft auch nicht, die Gelegenheit streicht einfach ungenutzt vorbei.

Länger als drei Milliarden Jahre hatte die Evolution Zeit für ihr umfassendes Schöpfungswerk. 3 000 Millionen Jahre: Menschengedenken ist dagegen ein Wimpernschlag. Viel hat Mutter Natur dabei ausprobiert. Das meiste davon verschwand allerdings wieder sang- und klanglos. Es konnte sich im "survival of the fittest" nicht behaupten. Doch nicht alle überkommenen Arten wurden auf dem Altar des Fortschritts geopfert. Einige fanden ihre ökologische Nische, in der sie bis heute überlebten.

Die Natur als Designerin ging verschwenderisch mit ihren Materialien um. Merkwürdige Tiere kamen dabei heraus: der Hirschhornkäfer, der Dreilappkrebs, das Einhorn, der Tigerwolf, die Flunder und der Yeti. Einige dieser Tiere sind nur als Fossilien, oft in felsige Kreideformationen eingebettet, auf uns gekommen. Andere hingegen haben sich in abgelegene Wälder oder abgeschiedene Bergregionen zurückgezogen. Von ihnen dringen nur wenige Augenzeugenberichte bis in die Zivilisation vor. Die offizielle Zoologie nimmt sie erst gar nicht wahr. Denn seit Beginn des 19. Jahrhunderts gilt das Tierreich als erforscht und erfasst.

Doch immer wieder spürten Naturforscher neue Tiere auf. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verließ das Okapi sein Versteck, ebenso wie der Komodo-Waran und der Berggorilla. 1938 entdeckten Meeresbiologen den Quastenflosser, ein lebendes Fossil. Vor ein paar Jahren erst verlängerte sich die Liste der Lebewesen um eine laotische Hirschart, den Himalaya-Elefanten und den Spindelbock.

Entdeckungen, vor allem in den schier endlosen Weiten der Weltmeere, sind immer noch möglich. Aber auch neue Entwicklungen? Geht es weiter mit der biologischen Evolution? Oder steht sie derzeit still? Und: welche Tiere wären zustande gekommen, hätte es kleine Abweichungen in den Entstehungsbedingungen gegeben, damals im Karbon oder Perm? Und welche Möglichkeiten stecken noch heute in der Naturentwicklung?

Beate Rose versucht mit und in ihren Bildern eine Antwort auf die bohrenden Fragen der theoretischen Biologie. In ihren Kreidearbeiten manifestieren sich die Möglichkeiten von Missing links, einer abweichenden evolutionären Entwicklung und auch die Aussichten auf eine zukünftige Weiterentwicklung der biologischen Vielfalt. Ihre Geschöpfe treten als Ahnung in die begrenzte Welt der zweidimensionalen Fläche, gleichsam als Angebot an die gewordene und die werdende Natur.

Die Tiere verharren in gespannter Reglosigkeit. Manche mit erhobenem Kopf in die Landschaft lauschend, Veränderungen witternd, manche mit weit aufgetanen Augen den Betrachter zurück betrachtend, erstaunt über die fremden Wesen aus der dritten Dimension. Andere schauen mit traurigem Gesicht, ahnend dass ihre Welt sich dem Abend zuneigt. Die Nacht des Vergessens droht über sie hereinzubrechen. Niemand, raunen ihre fliehenden Farben, wird sich eines Tages in der tapferen binären Welt der absoluten Zweiwertigkeit, der Schwarz-Weiß-Malerei, daran erinnern, dass es einst Zwischentöne gab, Schimmer und Schattierungen, die sich selbst unter scharfem Blick nicht in praktische Quadrate auflösten.

Was ist mit den Bildern aus "Rose's Bestiarium" bewiesen? Sie versichern dem Betrachter glaubwürdig, dass andere Vergangenheiten möglich sind, andere Zukünfte in der Welt schlummern, dass es keinen vorgeschriebenen Weg etwa vom Faustkeil zum Computer, vom Inkatratsch zum Internet gab. Der digitalisierte Datenhighway, meine Damen und Herren, ist nicht zwingend der Weg, auf dem eine menschliche Evolution voranschreitet.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Studium der gebannten Bestien. Doch bitte treten Sie dem Grauscheu nicht zu nahe, die vielen Besucher machen es etwas kopfscheu. Bedauern Sie ein wenig das Schicksal des Sizilianischen Zitronenfressers und - bitte - halten Sie Abstand zum Griaul. Das hier gezeigte Exemplar neigt zu plötzlichen räumlichen Materialisationen. - Danke!  ¤

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