DER SAFT DER HERZQUITTEN
"Beate Rose: Aphrodisische Nahrung und andere Köstlichkeiten"
Rede zur Ausstellungseröffnung am 1.4.2001 in der Galerie Rose zu Landshut
Rotkohl, meine Damen und Herren, Rotkohl ist ein edles Gemüse. Doch unser Verhältnis zum Blaukraut hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Der Discounter an der Ecke hält es für uns - säuberlich zerhackt und bereits mit Apfelstückchen verfeinert - in praktischen Euro-Einheits-Einweggläsern auf Vorrat. Als frische Feldfrüchte jedoch finden die violetten Krautköpfe ihren Weg kaum noch in unsere Küchen.
Die Natur gerät uns immer mehr aus dem Blick, besonders die uns nährende Natur. Spätestens mit dem Mittelalter beginnt der Rückzug aus Feld und Flur. Seither ist uns das Land immer befremdlicher geworden, für viele ist die Landschaft meist nur noch Kulisse für ihre sonntäglichen Spaziergänge, schlimmer noch für motorisierte Spazierfahrten. Jeden Tag werden hierzulande hundert Hektar Erdreich mit Asphalt oder Beton wasserdicht versiegelt. Einst geschlossene Landschaftsgebiete sind zersiedelt, zusammenhängende Biotope dem Bauwahn geopfert. Doch auch die Bauern sehen in dem beackerten Boden allzu häufig nur noch den Produktionsfaktor.
Statt durch Wälder und Auen zu streifen, treten wir die Natur längst mit Füßen. Was wir dabei verlieren, ist mehr als nur einen schönen An- und Ausblick. Wir gehen der Herkunft und Heimat verlustig. Denn der Mensch ist und bleibt ein Teil der Natur.
Gleichwohl gehört es zum Wesen von Natur und Mensch, sich zu verändern. Wer unter Tannen und Eichen geboren ist, kann sein Leben durchaus unter Dattelpalmen und Bananenstauden beschließen - auch ohne jemals seine Scholle zu verlassen. Allerdings, das Klima ändert sich und mit ihm die Krankheiten. Vergangenes Jahr trat in Deutschland zum ersten Mal die Orientbeule auf. Einige Formen dieser Tropenkrankheit verlaufen tödlich. Übertragen wird sie durch die Sandmücke, die bisher hier nicht heimisch war.
Was das mit Kunst zu tun hat? Die Kunst hat sich - genau wie die Wissenschaft - diesen Dingen zu stellen, sie als Probleme anzunehmen und darüber nachzudenken. Denn seit der Renaissance ist der Mensch wieder in den Mittelpunkt künstlerischen Betrachtens und Bemühens gerückt. Und mit ihm die Natur, sein Ursprung und Lebensraum. Lebhaft bezeugen dies die sehr leiblichen Fresken des Michelangelo Buonarrotti und die unendlich leicht schwebenden Seerosen des Claude Monet. Mit perfektem handwerklichem Können spürten sie der Faszination Mensch und Natur hinterher: den fließenden Formen genauso wie dem Festhalten des Augenblicks. Auch Furchtbares wusste die Kunst zu fassen, das Grauen zu beschreiben, das Kriege und Gewaltherrschaft über die Völker brachte.
Die kulturelle Detektivarbeit ist noch lange nicht zu Ende. Abschließende Antworten sind auch in naher Zukunft nicht zu erwarten. Doch statt die Suche voran zu treiben, produzieren viele Maler und Bildhauer seit Jahren nur noch künstlerische Sprachlosigkeit. Ihre Bilder und Skulpturen sind längst in eine Beliebigkeit des Bildnerischen abgeglitten, die den möglichen Interpretationen keine Grenzen setzt. Utopie und gesellschaftliche Gegenentwürfe sind diesen Arbeiten höchstens noch als Worthülsen beigegeben. Kritik - etwa am Raubbau in den Regenwäldern - findet sich nur mehr in den Werktiteln.
Fest steht allerdings: es geht uns Natur verloren. Jeden Tag verschwinden Pflanzen- und Tierarten - unwiederbringlich. Die Biologen können die Zahl nur schätzen, da sie nicht einmal wissen, wie viele Arten unsere Erde überhaupt bevölkern. Noch bevor wir die Welt richtig erkundet haben, ist ihre Zerstörung bereits in vollem Gange. Doch unser Bedauern darüber hält sich in Grenzen. Wir haben uns schon zu weit von den biologischen Grundlagen unseres Lebens entfernt.
Der hier gezeigte Zyklus "Aphrodisische Nahrung" will den Blick aufs Neue ins Botanische lenken. Die Sujets lassen sich dabei grob in zwei Richtungen teilen: wirklich und möglich.
Im Realen widmen sich die Bilder dem Bekannten, allzu Bekannten. Die gezeigten Gemüsesorten gehören zu den Dingen, die so zu sagen immer an unteren Rand unserer Aufmerksamkeit dahinvegetieren. Ihre Existenz dringt fast nie in die Tiefen unseres Bewusstseins.
In Beate Roses Bildern wirken sie in ihrer Vereinzelung wie Vorstudien zu Stillleben, verharren beinahe beiläufig auf dem Malgrund. Doch bevor der Blick weiterwandern kann, hängt er sich an der eigentümlichen Geometrie der Szene auf. Das gemütliche Gemüse erfährt durch einen optischen Trick, durch eine Verschiebung der visuellen Wahrnehmung eine Verfremdung. Mit malerischer Präzision sind die Objekte aus der Plastizität in die Ebene gerückt. Doch gerade die Änderung in der Präsentation, das Hineinfallen der perspektivischen Winkel in die Fläche bekräftigt nachhaltig ihr Da-Sein, ihre Wichtigkeit für das leibliche Wohl der Menschen. Der Blick schärft sich neu für die Dinge, die uns in ihrer täglichen Verfügbarkeit fremd geworden sind.
Doch die Natur ist eine Lebensspenderin der besonderen Art. Sie sorgt sich nicht nur um den Erhalt des Individuums. Auch das Fortbestehen der Arten liegt ihr am Herzen. Unter allen Wirbeltieren kommen wir Menschen dieser Obliegenheit mit besonderem Eifer nach. Mutter Natur hat auch hierfür, in weiser Voraussicht, Kräuter und Früchte erfunden, die der Liebe hilfreich unter die Arme greifen.
Der namengebende Teil des Zykluses widmet sich diesen geheimen Genüssen und zugleich den verlorenen Möglichkeiten der Natur. Der tägliche Untergang von Arten, so die bittere Erkenntnis, ist möglicherweise auch ein herber Verlust an Freuden. Wie sie etwa die Schlutzmöslein geboten hätten, die unerkannt und nie gekostet aus den bayerischen Wäldern verschwunden sind. Der aufregende Duft ihres gelee-artigen Fruchtfleisches, dessen Verzehr augenblickliche Erquickung versprach, bleibt uns wohl für immer vorenthalten. Zu den entschwundenen Köstlichkeiten zählen auch die Herzquitten. Ihr klarer Saft, der den Liebenden wie Labsal vom Kinn tropfte, ließ das gerade Erlebte noch einmal wie in einem Kaleidoskop aufwirbeln. Auch die verschiedenen Sorten der Süss-Stengelein wären überall als wahrer Gaumenkitzel gepriesen worden.
Lassen Sie sich also den Blick schärfen für eine Biologie des Alltags, trauern Sie ein wenig den phantastischen frivolen Früchten hinterher und delektieren Sie sich am herausragenden handwerklichen Können der Künstlerin. Ich wünsche Ihnen einen vergnüglichen Rundgang. Denn schließlich ist Kunst auch Genuss. ¤