DER ZYKLOPISCHE IRRTUM
Gedanken anlässlich der Ausstellungseröffnung "Schöne Frauen und andere Menschen" in der Galerie Rose, Landshut, am 6.4.2003
Am Anfang, meine Damen und Herren, am Anfang sehen wir alle schlecht. Die Welt erscheint uns schleierhaft. Ungenau bleibt der Babyblick, weil das Auge noch nicht akkurat arbeitet. Erst mit der Zeit stimmen sich Linse, Hornhaut und Augapfel aufeinander ab, bis schließlich das verkleinerte Bild der Welt exakt auf der Netzhaut, der Retina, liegt. Ab dann klart es auf. Spätestens zum Schuleintritt werden die Dinge deutlicher.
Perfekt wird das Sehorgan allerdings nie. Was schon den Physiker und Physiologen Hermann von Helmholtz (1821-1894) erboste: "Würde mir jemand ein optisches Gerät mit solchen Fehlern anbieten, würde ich es in aller Deutlichkeit zurückweisen." Bei technischen Lupen und Linsen können wir heute Abbildungsfehler durch geschickte Materialkombinationen und präzise Produktion ausgleichen.
Die Natur jedoch wählte einen anderen Weg. Sie erfand das Kopfrechnen. Statt weiter an der biologischen Hardware, dem Sehsystem, herumzutüfteln, griff die Evolution zurück auf schon vorhandene Software: die Gehirnaktivität. Das fiel ihr um so leichter, als die Projektionsfläche für das einfallende Licht, die Netzhaut, sich einst aus dem Denkorgan entwickelte.
Die Retina, die Nerven der Sehbahn und das Sehzentrum im Gehirn bilden eine komplexe Anordnung, die die hereinströmenden Strahlen nicht nur wahrnimmt und weiterleitet. In ihr werden auch die Sinneseindrücke miteinander verglichen, verrechnet und auf einen plausiblen Nenner gebracht. Dabei spielen die persönliche psychische Prägung und die Seherfahrung, auch die der ersten Lebenswochen, wenn die Welt noch Kopf steht, eine entscheidende Rolle.
Aber auch Erfahrungen, die der Mensch als Gattung im Laufe seiner Entwicklung machte, sind von Bedeutung. Die einzelnen Bilder eines Films etwa werden erst durch Kopfarbeit zur fließenden Bewegung. Dahinter steckt vermutlich eine archaische Erfahrung. Während der Pirsch war es überlebenswichtig zu wissen, ob ein Löwenkopf, der erst links und dann rechts von einem Felsbrocken auftauchte, zu einer oder zu zwei Wildkatzen gehörte. Stellte sich heraus, es war nur ein Tier, musste das Gehirn sich die entsprechende, allerdings für den Jäger unsichtbare Bewegung dazu denken.
Eine andere Rechenleistung ist das perspektivische Sehen. Für die Ferne nutzt das Gehirn zur Abschätzung der räumlichen Staffelung beispielsweise Größenvergleiche mit bekannten Objekten und die Stellung der Dinge zueinander.
Im Nahbereich hingegen funktioniert das anders. Jedes Auge liefert dem Gehirn ein eigenes Bild, wobei beider Konturen leicht gegeneinander verschoben sind. Schon der dänische Physiologe Peter Ludwig Panum (1820-1885) ging davon aus, dass das Gehirn daraus ein neues Bild errechnet - ohne Doppelkonturen, dafür mit Informationen über die Raumtiefe. Später wurde die Vermutung aufgestellt, dieses dritte virtuelle Bild liege genau zwischen den beiden realen Augen.
Ein klassischer Versuch mit dreijährigen Kindern bestätigt das. Wird ihnen ein Papprohr zum Hindurchschauen in die Hand gedrückt, setzen es immerhin ein Drittel der Dreijährigen genau auf die Nasenwurzel. Vor einigen Jahren ließ sich dieser "zyklopische Irrtum" sogar bei Erwachsenen nachweisen.
Das erinnert natürlich sofort an die Zyklopen der griechischen Mythologie. Bei Homer haben die rundäugigen Riesen nämlich nur ein Auge. Ein Faktum, dass sich Odysseus und seine Gefährten zunutze machen. Um aus der Höhle des Zyklopen Polyphem zu entkommen, blenden sie dessen Stirnauge mit einem angespitzten Baumstamm. Zumindest ist diese Schilderung aus der Odyssee ein Hinweis darauf, dass die Griechen das Panum-Phänomen möglicherweise kannten.
In der Malerei des Abendlandes beginnt der Einzug der geometrischen Perspektive im 12. Jahrhundert. Ihren großen Durchbruch erlebt die neue Sicht der Dinge aber gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Damals wurde die Basilika in Assisi mit Szenen aus dem Leben des hl. Franziskus perspektivisch ausgemalt. Eine Sensation, die den sakralen Doppelbau in Umbrien schon bald zum Besuchermagneten machte und schließlich in der Renaissance zur Ablösung der metaphysischen Hierarchien in den Bilderwelten führte.
Doch der absolute Raum mit seiner linearen Perspektive, in dem die Renaissance-Maler noch sicher ihre Pinsel führten, erwies sich spätestens mit Albert Einstein (1879-1955) und seiner Relativitätstheorie als Wunschdenken, als Illusion. So wie sich in der neuen Physik der Raum nur in Abhängigkeit von Masse und Zeit denken lässt, finden in der Malerei Fläche, Farbe und Form ein neues, oft abstraktes Verhältnis zueinander.
Dennoch bleibt die Renaissance ein großartiges Vermächtnis, auch weil sie uns zum erstenmal den Künstler zeigt, der über sich und sein Handwerk nachdenkt. Immer wieder umkreisen die theoretischen Ausführungen den Gegenstand der Malerei. Leonardo da Vinci (1452-1519) kommt dabei zu dem Schluss: "Ein guter Maler hat im Wesentlichen zwei Dinge zu malen, nämlich den Menschen und seine geistige Verfassung."
Beate Roses Bilder von Frauen - und den anderen Menschen - widmen sich da Vincis Anliegen vollständig. Sie zeigen freudige und fürchterliche, ausweglose und amüsante Lebenssituationen und ihre Auswirkungen auf Physis und Psyche der Porträtierten.
Um die Drastik der Darstellung zu erhöhen, wird auf eine räumliche Perspektive weitgehend verzichtet. Durch diese Verfremdung verstecken sich in den Gemälden optische Stolpersteine, die sie gegen ein allzu gefälliges visuelles Konsumieren sperren. Eindrückliche Beispiele dafür sind die karikierenden Konterfeis der Zwillingstanten und die neueren Porträts von Familienmitgliedern.
Dieses planare Prinzip (konkreter Planarismus) durchzieht fast das gesamte bisherige Werk der Malerin, am klarsten bei den Früchten aus dem Zyklus "Aphrodisische Nahrung" und den frühen Vogelbildern, deren Abdrucke eine weltweite Verbreitung fanden. Der Planarismus unterstreicht den eigenwilligen, hochpersönlichen Blick, den Beate Rose auf die Welt tut, macht ihr Erstaunen, ihr Erleben, ihr Erstarken, ihr Erschrecken über die Schöpfung noch deutlicher.
"Anfang und Ende aller künstlerischen Aktivität ist die Wiedergabe der Welt..." Davon war auch Goethe (1749-1832) überzeugt. Allein, der Weimarer Geheimrat war gewitzt genug, um das nicht so stehen zu lassen. Er wusste sehr wohl, dass der menschliche Dunstkreis meist eingeschränkt ist und das Urteil sich durch individuelle Erfahrung relativiert. Dem Satz fehlen also zwei kleine, aber entscheidende Zusätze. Das Zitat in seiner ganzen Länge lautet daher: "Anfang und Ende aller künstlerischen Aktivität ist die Wiedergabe der Welt um mich durch die Welt in mir."
Dem Betrachter bleibt das Vergnügen, neben der Freude an Farbe und Form nach Spuren des eigenen Denkens in den Werken eines Künstlers zu fahnden. Ein wichtiger Schritt in Richtung Kommunikation, die die Menschheit weiter bringt als jeder Krieg. ¤